Echte Weiblichkeit ist absolut counter-cultural. Können wir das überhaupt lösen?
Unsere Weiblichkeit ist nicht zu viel, nicht zu emotional, nicht zu langsam. Sie ist schlicht nicht kompatibel mit einer Welt, die linear denkt, Leistung misst und Dauerpräsenz fordert. Unser zyklisches Wesen, unser innerer Rhythmus, unsere Fähigkeit, uns zurückzuziehen, zu verdichten und in Pausen zu wachsen, all das passt nicht in die Strukturen, die uns umgeben. Deshalb ist echte Weiblichkeit nicht nur sensibel oder weich. Sie ist radikal. Und ja: absolut counter-cultural.
Genau das macht es so herausfordernd. In Räumen, in denen alles auf Performance, sichtbare Ergebnisse und permanente Aktivierung ausgerichtet ist, wirkt es beinahe subversiv, über Hingabe, Sicherheit oder Softness zu sprechen. Alles um dich herum schreit nach Effizienz, nach Expansion, nach ständiger Sichtbarkeit und dein Körper verlangt nach Rhythmus, Stille und Integration. Ich erinnere mich noch gut an meinen Corporate-Job vor 12 oder 13 Jahren: Jede Entscheidung, jede Bewegung, jeder kleine Erfolg musste in Zahlen bewiesen werden. Es war absurd. Und gleichzeitig war genau dieser Druck der Moment, in dem ich begriff: Mein Körper braucht seinen eigenen Takt.
Wir haben gelernt, jede Abweichung vom Linearen als Problem zu sehen. Doch manchmal ist ein scheinbar „dysreguliertes“ Verhalten nichts anderes als ein Körper, der seinem natürlichen Rhythmus folgt. Nicht jede Instabilität ist ein Defizit. Nicht jeder Rückzug ist Angst. Manchmal ist es ein notwendiger Zyklus, den du durchleben musst, um dich zu ordnen, zu wachsen und innerlich zu verdichten.
Was mich ehrlich gesagt auch irritiert hat, ist, dass selbst in spirituellen Räumen, die weibliche Kraft fördern sollen, oft mehr männliche Energie herrscht als bei Männern. In meinen Yoga-Ausbildungen und Tantra-Trainings für Frauen gab es kaum Pausen, wenig Integration, kein echtes Landen nach intensiven Prozessen. Stattdessen viel Push, viel Aktivierung, viel Expansion. Überlebensmodus im spirituellen Sugarcoat.
Dabei sind Pausen nicht leer. Wir haben nur Angst vor ihnen.Pausen sind voll. Voll von Kreativität, Heilung, Selbstwahrnehmung und Inspiration. Vielleicht kennst du dieses Phänomen: Nach einer Krankheit, nach einer stillen Phase, nach einem bewussten Rückzug wirst du plötzlich klar, kreativ, lebendig. Du blühst auf, weil dein Körper endlich Raum hatte, alles zu integrieren.
Ich habe das selbst erlebt. Meine Business-Jahre, in denen ich kaum sichtbar war, waren die gesündesten Entscheidungen meines Lebens. Rückzug bedeutete nicht Aufgeben, sondern tiefe Integration. In dieser Zeit habe ich mehr gelernt als in all den Jahren zuvor, in denen ich auf Bühnen stand und ununterbrochen gearbeitet habe. Genau diese Erfahrung erlaubt mir heute, Menschen anders, tiefer und bewusster zu begleiten.
Seit 2018 arbeite ich als Coach – zunächst in Festanstellung bei einem Berliner Startup, seit 2021 selbstständig. In den letzten zwei Jahren habe ich mir immer wieder bewusst längere Pausen zwischen 1:1-Coachings und Retreats erlaubt. Pausen, die mir Raum gaben, mich neu auszurichten, zu lernen und innerlich zu verdichten, ohne äußeren Druck. Es war nicht leicht. Es gab keine Vorbilder, keinen klaren Weg. Aber ich wusste: Es ist richtig.
Wir sprechen oft über unseren 28-Tage-Zyklus, doch darüber hinaus existieren größere Lebensrhythmen: Jahre der Expansion, Phasen intensiver Sichtbarkeit, Zeiten des Rückzugs und des inneren Neuaufbaus. Dass wir diese Zyklen ignorieren, ist kein persönliches Scheitern. Es ist Ausdruck einer Kultur, die Linearität über Lebendigkeit stellt. Und trotzdem glaube ich: Balance ist möglich. Die Natur, unser Nervensystem, unsere tiefste Intelligenz erinnern uns daran, dass Rhythmus, Pausen und Integration keine Schwäche sind, sondern lebensnotwendig.
Die Lösung liegt nicht darin, uns weiter anzupassen. Sie beginnt damit, unsere Zyklen ernst zu nehmen, Rückzug nicht länger zu pathologisieren, Pausen bewusst zu schützen und unserem Nervensystem Sicherheit zu geben, bevor wir performen. Sie beginnt damit, Strukturen zu finden oder zu erschaffen, die Zyklizität respektieren, statt sie zu bekämpfen.
Echte Weiblichkeit wird vielleicht immer counter-cultural bleiben. Doch genau darin liegt ihre Kraft. Eine leise, radikale Kraft, die nicht beschleunigt, sondern integriert. Und vielleicht beginnt Veränderung nicht laut, sondern in einer Frau, die beschließt, ihren Rhythmus nicht länger zu verraten. Ich bin hier für diese Bewegung. Und ich freue mich, wenn du sie mit mir gehst.