Beziehungsfähigkeit: Echte Nähe oder Nervensystem-Regulation?
Beziehungsfähigkeit bedeutet nicht, immer verbunden zu bleiben, sondern Verbindung halten zu können, auch in der Stille. Ich glaube, das ist eines der größten Learnings meiner letzten Jahre und es war alles andere als easy. Vor allem, wenn dein Körper Absenz nicht nur als Pause fühlt, sondern als potenziellen Verlust. Wenn Funkstille alte Programme aktiviert: „Da stimmt etwas nicht. Ich habe etwas falsch gemacht. Ich werde nicht gewählt.“ Dann fühlt sich Stille nicht neutral an, sondern gefährlich. Aber genau hier beginnt echte Verbindung.
Nicht im stetigen Hin und Her von Nachrichten, nicht in der digitalen Nabelschnur des Sich-melden-Müssen, sondern in der Fähigkeit, die Lücke zwischen zwei Kontaktpunkten zu halten, ohne zu fallen.
Viele von uns sind groß geworden mit Bindungserfahrungen, die nicht sicher waren. Nähe war nicht konstant, sondern unvorhersehbar. Liebe kam mit Bedingungen, Stimmung, Zeit, Verfügbarkeit. Das Nervensystem hat gelernt: Wer nicht wachsam bleibt, verliert. Also regeln wir, bevor wir fühlen. Wir schreiben, anstatt zu warten. Wir geben, anstatt zu empfangen. Wir erzeugen Kontakt, damit Verbindung nicht abreißt und merken gar nicht, dass wir uns selbst dabei verlieren.
Was ich in den letzten Jahren auch somatisch verstanden habe:
Wenn wir anfangen, gesunde Grenzen zu setzen, Pausen auszuhalten, unsere Emotionen selbst zu regulieren, nicht sofort zurückzuschreiben, uns zuerst zu fühlen statt zu fixen, dann verändert sich die Dynamik. Manche Beziehungen halten das aus. Andere nicht. Und das kann richtig weh tun. Denn plötzlich treten wir aus dem alten Muster aus: aus dem Dauerkontakt, aus der Co-Regulation, aus dem „ich kümmere mich um dein Gefühl, damit ich meines nicht fühlen muss“.
Dieser Schritt in Richtung Selbstverantwortung und Selbstkontakt macht sichtbar, wie stabil oder fragil eine Verbindung eigentlich ist.
Heute kennen wir permanente Erreichbarkeit als Normalzustand. Nachrichten, Sprachnotizen, Instastories, Chats, Check-Ins.. Und ja, es fühlt sich nach Nähe an. Aber oft ist es keine. Oft ist es unbewusste Co-Regulation – eine Art emotionaler Erste-Hilfe-Kit, um nicht allein mit uns selbst zu sein. Es ist nichts „Falsches“ daran, aber es nährt nicht immer das, was wir wirklich suchen: gegenseitige Resonanz, Präsenz, innere Ruhe.
Für mich war der Wendepunkt die Erkenntnis, dass ich selbst Teil des Musters bin. Dass ich Nähe oft verwechselte mit Kontaktfrequenz. Dass mein Geben nicht immer Liebe war, sondern Sicherungsseil. Dass es leichter war, mich zu melden, als in meinem Körper zu bleiben. Wirkliche Beziehung beginnt aber dort, wo ich nicht sofort reagiere, weil ich lernen darf, mich erst selbst zu fühlen. Wo ich nicht gebe, um zu kontrollieren, sondern empfange, weil ich mich getragen weiß, auch ohne Beweis.
Und ja, das ist ein Muskel. Ein sehr großes Lernfeld. Etwas, das Zeit, Mut, Regulation und Selbstmitgefühl braucht. Wenn du mitten drin bist, dann klopfe bitte auf deinen Schultern. Du machst es richtig gut.
Stille im Kontakt ist heute für mich kein Loch mehr, das gestopft werden muss. Sondern Raum, in dem sich Vertrauen ausbreitet: Vertrauen in mich, Vertrauen in den anderen, Vertrauen in die Beziehung. Verbindung wird nicht weniger, wenn wir uns nicht permanent halten. Sie wird stärker, wenn wir wissen: Sie bleibt da, auch wenn es ruhig wird.
Das ist für mich Beziehungsfähigkeit. Nicht das Durchhalten von Dauerverfügbarkeit. Sondern das Wachsen der inneren Kapazität, verbunden zu bleiben in der Stille und im Dazwischen.
Und darin liegt Freiheit, Liebe und für mich ein bisschen Erlösung.