Was uns wirklich nährt – vielleicht die wichtigste Frage für 2026.

Ich esse gutes Essen. Nahrhaft, frisch, mit Aufmerksamkeit zubereitet. Und trotzdem kenne ich dieses Gefühl, nicht wirklich satt zu sein. Nicht körperlich, sondern tiefer. Ein Gefühl, als hätte etwas gefehlt, obwohl objektiv alles da war.

Essen kann dann schnell zu etwas werden, das man erledigt. Man isst, weil es nötig ist, weil der Körper Hunger signalisiert, aber innerlich bleibt eine Unruhe. Ein Weiter, ein Danach, ein inneres Getriebensein. Als gäbe es keine Zeit, wirklich anzukommen, weder beim Essen noch im eigenen Körper.

Je mehr ich mich damit beschäftige, desto klarer wird mir: Wie wir essen, spiegelt oft sehr genau, wie wir im Leben stehen. Ob wir noch im Überlebensmodus sind oder ob wir uns erlauben, wirklich zu empfangen. Ob wir uns nähren lassen, nicht nur durch Nahrung, sondern durch das Leben selbst.

Mir ist aufgefallen, dass mir das Ankommen mit anderen Menschen deutlich leichter fällt. Ich esse langsamer, bleibe länger sitzen, spüre meinen Körper mehr. Es gibt weniger dieses innere Drängen, weniger das Gefühl, gleich weiterzumüssen.

Allein fällt mir das schwerer. Dann rutscht Essen schneller in ein „Durchessen“, als wäre es eine Aufgabe, die erledigt werden muss. Nicht aus Mangel an Achtsamkeit, sondern aus einem tief verankerten Muster von Funktionieren.

Vielleicht brauchen wir Menschen nicht nur Nahrung, um satt zu werden, sondern auch Beziehung. Präsenz. Das Gefühl, nicht allein zu sein. Nicht immer und nicht ausschließlich – aber oft genug, um es ernst zu nehmen.

Viele von uns haben früh gelernt, sich selbst zu versorgen. Nicht zu warten, nicht zu viel zu brauchen, weiterzumachen. Vielleicht war das einmal notwendig. Vielleicht war es sogar überlebenswichtig.

Doch diese Muster bleiben oft bestehen, lange, nachdem die Situation sich verändert hat. Dann essen wir gut, leben bewusst, kümmern uns um uns – und fühlen uns trotzdem innerlich nicht genährt. Weil satt sein mehr ist als ein voller Magen. Es ist ein inneres Erlauben. Ein Gefühl von Sicherheit. Ein „Ich darf hier sein“. Ein „Es ist genug da“. Ein Moment, in dem nichts weiter muss.

Vielleicht ist diese Frage gerade zum Jahreswechsel so wesentlich. Nicht die Frage danach, was wir uns vornehmen sollten oder wohin wir noch kommen müssten. Sondern eine viel leisere, ehrlichere Frage: Was nährt mich wirklich?

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erinnerungen für diese Zeit: Wir müssen nirgendwo hin. Wir müssen nichts erreichen, um richtig zu sein. Dieses Leben ist kein Ziel, das wir abhaken müssen, sondern ein Raum, in dem wir lernen dürfen, hier zu sein.

Wir sind auf dieser Erde, um uns zu entwickeln, zu heilen und uns immer tiefer zu verkörpern. Nicht um ständig schneller zu werden, sondern um präsenter zu sein. Manchmal bedeutet Entwicklung genau das Gegenteil von Vorwärtsdrang: Langsamer werden, stehen bleiben, nichts optimieren.

Ein Jahresanfang bedeutet nicht, dass wir sofort losrennen müssen. In Europa ist Winter. Die Natur zieht sich zurück. Auch hier, in Bali, folgt das eigentliche neue Jahr einem anderen Rhythmus. Es beginnt im Frühling, wenn etwas wirklich neu werden will.

Vielleicht dürfen wir uns daran erinnern, dass auch wir zyklische Wesen sind. Dass Ankommen nichts ist, was man erzwingen kann. Dass Genährtsein Zeit braucht.

Vielleicht ist 2026 kein Jahr, in dem du mehr willst, sondern eines, in dem du genauer hinschaust. Was nährt dich wirklich? Sind es diese Beziehungen? Diese Kontakte? Diese Orte, diese Tätigkeiten, diese Rhythmen?

Was wäre, wenn du dein Jahr nicht nach Zielen ausrichtest, sondern nach dem, was dich auf allen Ebenen nährt – körperlich, emotional und auch seelisch? Nicht perfekt. Nicht endgültig. Sondern ehrlich. Und Schritt für Schritt verkörpert.

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Beziehungsfähigkeit: Echte Nähe oder Nervensystem-Regulation?

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Die Erschöpfung, die nicht weg muss.