Ich erzähle in meinen Coaching-Angeboten nicht die ganze Wahrheit.
Ich bin gerade dabei, mein wunderschönes Hochzeitskleid zu verkaufen. In diesem Kleid habe ich vor zehn Jahren so glücklich getanzt. In ihm stecken so viele Hoffnungen. Vorstellungen davon, wie mein Leben einmal aussehen würde. Ein ganzes Zukunftsbild, das ich in den letzten 2,5 Jahren Stück für Stück losgelassen habe.
Ich bin nämlich eine geschiedene Frau.
Es ist immer noch seltsam, das zu schreiben. Ich dachte, das sind andere Frauen. Meine Mutter oder Frauen, die ich kenne. Aber doch nicht ich.
Ich habe doch alles getan, um so etwas zu verhindern. Wofür war die jahrzehntelange innere Arbeit, wenn ich nicht einmal meine wichtigste Beziehung halten konnte?
Ich habe sehr lange gedacht, dass ich etwas falsch gemacht habe. Dass ich etwas übersehen habe und dass ich es hätte retten können. Und sicherlich habe ich einiges nicht richtig gemacht, versteh mich nicht falsch.
Aber was sich für mich als innere Wahrheit anfühlt, ist nicht, dass ich trotz der inneren Arbeit geschieden bin, sondern gerade deswegen.
Das Verrückte ist: Ich bin nicht gesprungen, weil mein Leben oder meine Ehe zusammengebrochen war. Mein Leben war gut. Ich hatte ein Leben, für das ich lange gearbeitet hatte. Und ganz lange fühlte es sich auch stimmig an.
Vielleicht macht genau das den Abschied so schwer. Denn die schwersten Entscheidungen treffen wir nicht immer, wenn etwas eindeutig falsch ist. Manchmal treffen wir sie, obwohl vieles richtig ist.
Das war für mich das Schwerste zu akzeptieren.
Aber irgendwann wurde es anstrengender, mich selbst zu übergehen, als ins Ungewisse zu springen.
Die Scheidung war nur der sichtbarste Teil dessen, was damals zu Ende ging. Lange habe ich gehofft, dass es einen anderen Weg gibt. Einen Weg, auf dem ich all das behalten kann, was ich liebe, ohne mich selbst zu verlieren.
Aber irgendwann musste ich akzeptieren, dass nicht jede Entscheidung zwischen richtig und falsch getroffen wird. Manche Entscheidungen werden zwischen zwei Dingen getroffen, die man beide liebt.
Ohne so viel Integration, Traumaarbeit und innere Sicherheit hätte ich niemals den Mut gefasst, komplett ins Ungewisse zu springen. Ich habe nicht nur meinen Mann verlassen. Ich habe meine sorgfältig angelegten Wurzeln komplett herausgerissen.
Nicht nur die Ehefrau in mir ist gestorben. Auch die Frau, die in Deutschland lebt. Die ein Zuhause und einen Platz in der Welt hat. Vertraute Menschen um sich herum, Routinen, Orientierung und Zugehörigkeit.
Sie wusste, wie ihr Leben aussieht. Die wusste, wo sie hingehört. Die ein Leben aufgebaut hatte, das von außen und von innen lange stimmig war.
Die Frau, die sich bemüht hat, die deutsche Sprache so gut wie möglich fehlerfrei zu beherrschen. Die, die deutsche und ungarische Sprachen gleichermaßen fühlt, obwohl mit beiden Sprachen ganz unterschiedliche Identitäten und Qualitäten verbunden sind.
Der Preis für die innere Arbeit war hoch. Das steht in keinem Therapie- oder Coaching-Angebot. Auch nicht in meinem eigenen.
ACHTUNG: Dieses Coaching kann dazu führen, dass du deinen Partner oder deinen Ehemann verlässt. Dass du Stück für Stück deinen Freundeskreis veränderst. Dass du wieder auswanderst. Dass du mit deinen dunkelsten inneren Dämonen in Kontakt kommst. Dass du mehrmals stirbst, bevor du wirklich stirbst.
Innere Arbeit hat mein Leben nicht nur schöner gemacht. Sie hat meine Toleranz dafür zerstört, gegen mich selbst zu leben.
Die größte Veränderung war nicht, dass ich jemand anderes geworden bin. Sie bestand darin, dass ich immer weniger bereit war, mich selbst zu verlassen.
Das klingt romantischer, als es ist. Denn manchmal bedeutet das nicht nur, dass man näher zu sich selbst kommt. Das wird nämlich so gerne in der Coaching-Sprache benutzt. Häufig bedeutet es auch, dass man Abschied nehmen muss von Menschen, Orten und Identitäten, die man wirklich geliebt hat.
Wenn sich dein inneres Erleben tiefgreifend verändert, kann es passieren, dass die Welt, die du wahrnimmst, für die Menschen um dich herum nicht mehr vollständig nachvollziehbar ist.
Nicht, weil jemand falsch liegt oder die Liebe fehlt. Sondern weil ihr begonnen habt, unterschiedliche Realitäten zu erleben. Und manchmal leidet darunter die Resonanz. Vielleicht hätte ich mir gewünscht, das vorher zu wissen. Oder ist es besser, das doch nicht gewusst zu haben?
Wobei ich nicht sicher bin, ob es etwas verändert hätte. Die meisten von uns beginnen die innere Arbeit, um ihr Leben zu retten. Ich hatte damals angefangen, weil ich unter Erschöpfung gelitten hatte und meine Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war.
Ich wollte mich besser fühlen und wieder funktionieren. Ich wollte zurück in mein Leben, mehr Energie haben und wieder „normal“ sein.
Stattdessen wurde meine innere Welt immer größer. Ich wurde sicherer und klarer. Ich spürte mich besser. Ich kam mir tatsächlich selbst näher.
Und genau das hatte Konsequenzen, auf die mich niemand vorbereitet hatte. Denn wenn du beginnst, dich selbst nicht mehr zu verlassen, verändert sich irgendwann auch deine Beziehung zu allem, was dich bisher davon abgehalten hat, bei dir zu bleiben.
Menschen. Beziehungen. Orte. Rollen. Identitäten. Lebensentwürfe.
Und hier habe ich mich selbst ertappt. Denn genau wie viele andere Therapie- und Coaching-Angebote habe auch ich bisher vor allem über die Gewinne innerer Arbeit gesprochen. Dass unsere innere Sicherheit größer wird. Dass wir glücklicher und ausgeglichener werden. Dass wir endlich bei uns selbst ankommen.
Und das ist nicht gelogen. Aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.
Ich habe den Preis nicht mit dazugeschrieben. Viele Therapie- und Coaching-Angebote verkaufen genau das. Und ich bin keine Ausnahme.
Da ist sie wieder, diese paradoxe Komplexität, die unser menschliches Gehirn nicht besonders mag. Dass zwei scheinbar widersprüchliche Wahrheiten gleichzeitig existieren können.
Dass innere Arbeit dir mehr Sicherheit schenken kann und gleichzeitig alles kosten kann, worauf du deine bisherige Sicherheit aufgebaut hast. Dass sie dich näher zu dir selbst bringen kann und gleichzeitig dein gesamtes bisheriges Leben infrage stellen und auch zerstören kann.
Und genau deshalb frage ich mich inzwischen, ob ich in meinen eigenen Coaching-Angeboten die ganze Wahrheit über innere Arbeit erzähle.
Ich glaube heute mehr denn je an ihre Wirkung. Für mich gibt es kaum etwas Schöneres, als mich selbst jeden Tag ein Stück ganzer, herzoffener und authentischer zu erleben und dadurch andere Menschen unterstützen zu können.
Aber vielleicht ist es Zeit, nicht nur darüber zu sprechen, was innere Arbeit dir geben kann, sondern auch darüber, was sie dich kosten kann. Und das wirklich ehrlich zu beleuchten, damit jeder eine Entscheidung für sich treffen kann.
Vielleicht liest du das gerade und stehst selbst an einem Punkt, an dem es keine einfachen Antworten gibt. Dann wünsche ich dir den Mut, die Komplexität nicht vorschnell aufzulösen.