Du kennst mich seit 39 Jahren. Oder?
Am zweiten Tag, nachdem ich in Ungarn gelandet war, hatte ich eine Verabredung mit meinem Vater. Wir hatten neun Uhr morgens ausgemacht. Ich war durch den Jetlag schon früh wach und wusste, dass er wahrscheinlich längst unterwegs war.
Mein Vater kann nicht besonders gut einfach irgendwo ankommen und erst einmal nichts tun. Wenn er irgendwo neu ist, muss er die Gegend erkunden, schauen, was es zu entdecken gibt, am besten schon den nächsten Ausflug planen.
Früher hätte mich das vermutlich schon morgens innerlich aufgeregt. Diesmal machte ich mir einfach einen Tee, fand ein paar spannende ungarische Bücher im Regal und fing an zu lesen. Ich wusste, dass wir uns um neun treffen würden, und bis dahin konnte ich einfach meinen Morgen genießen.
Als er kam, übergab er mir sein Auto und erklärte mir erst einmal ausführlich, was ich im Falle eines Unfalls alles machen müsste. Welche Papiere ich brauche, was ich fotografieren soll, was ich ausfüllen muss, wen ich anrufen soll. Eine komplette Sicherheitsunterweisung für ein Auto, das ich seit Jahren fahre.
Ich musste lachen.
Danach hatte er natürlich schon die nächste Idee: Wir könnten doch den höchsten Berg hier in der Gegend besteigen.
Ich war gerade erst aus Bali angekommen, hatte kaum geschlafen und fand die Idee gleichzeitig völlig absurd und irgendwie gut. Also gingen wir.
Wir verbrachten den ganzen Tag zusammen, liefen, redeten, machten Pausen und redeten weiter. Wir haben uns zwischendurch verlaufen und hatten viel Zeit zusammen.
Über vieles waren wir nicht derselben Meinung. Wir haben unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und sehr unterschiedliche Wahrheiten.
Und trotzdem konnte ich seine Wahrheit hören, ohne dabei meine eigene zu verlieren. Ich musste ihn nicht mehr davon überzeugen, dass meine Sicht die richtige ist.
Irgendwo auf diesem Berg haben sich unsere beiden Wahrheiten getroffen, ohne dass eine von ihnen gewinnen musste.
Dass dieser Tag überhaupt möglich war, war nicht selbstverständlich. Er war das Ergebnis von vielen Jahren, in denen ich mir meine eigenen Themen angeschaut habe und von vielen Momenten, in denen ich lernen musste, nicht mehr gegen das anzukämpfen, was zwischen uns war.
Am Abend sagte mein Vater irgendwann zu mir: „Ich bin froh, dass du immer noch das Gleiche bist.“
Ich weiß, dass er es liebevoll meinte. Und trotzdem hat mich dieser Satz beschäftigt.
Wie konnte er nicht sehen, wie sehr ich mich verändert hatte?
Früher hätte ich mir nicht vorstellen können, einen ganzen Tag so entspannt mit ihm zu verbringen. Ich hätte mich von so vielen Dingen triggern lassen, hätte mich verteidigt, hätte versucht, etwas zu erklären oder ihn von meiner Sicht zu überzeugen.
Heute konnte ich mit ihm auf einen Berg steigen, seine manchmal ziemlich verrückten Ideen anhören, ihnen widersprechen, wenn ich sie nicht wollte, und danach einfach weiterreden.
Kurz wollte ich, dass er das sieht. Dass er erkennt, wie sehr ich mich verändert habe. Dass er sieht, wie viel passiert ist und mir bestätigt, dass ich heute eine andere Frau bin.
Und dann musste ich über mich selbst lachen. Denn eigentlich wusste ich es selbst.
Es war genau der Moment, in dem ich gemerkt habe, wie erwachsen ich geworden bin. Nicht weil ich heute alles anders mache, sondern weil ich seine Bestätigung nicht mehr brauche, damit meine Veränderung für mich wahr ist.
Häufig ist es für Menschen beruhigend, wenn wir die Gleichen bleiben. Wenn die Tochter, die sie seit ihrer Kindheit kennen, in ihrer Vorstellung noch immer dieselbe ist.
Denn wenn ich mich verändert habe, verändert sich auch etwas in seiner eigenen Geschichte mit mir. Es ist leichter zu sagen: „Du bist immer noch die Gleiche“, als anzuerkennen, dass der Mensch, den man seit 39 Jahren kennt, längst jemand geworden ist, den man neu kennenlernen müsste.
Mein Vater kennt mich seit 39 Jahren. Natürlich kennt er mich. Er kennt meine Kindheit, meine Familie, unzählige Geschichten und Versionen von mir, die lange vor der Frau entstanden sind, die heute vor ihm steht.
Aber kennt er mich wirklich?
Seit ich wieder in Ungarn bin, denke ich viel darüber nach, was Orte mit unserer Identität machen.
Ungarn ist einer meiner stärksten Referenzpunkte. Hier habe ich viele meiner ersten Codes gesammelt: wie man ist, wie man gesehen wird, was Familie bedeutet, was dazugehört und was nicht.
Und jetzt bin ich wieder hier, mit einer inneren Realität, die es damals noch gar nicht gab.
Ein Ort kann uns noch kennen, während wir selbst längst weitergezogen sind.
Ich merke das sogar an ganz banalen Dingen. In Ungarn werde ich häufig auf Englisch angesprochen, in Deutschland fragen mich Menschen, ob ich Französin bin, und in Bali werde ich oft gefragt, ob ich aus Deutschland komme.
Manchmal frage ich mich selbst: Woher komme ich eigentlich?
Je länger ich unterwegs bin und je mehr ich meine Komplexität als Mensch anerkenne, desto weniger Lust habe ich auf eine eindeutige Antwort.
Jede Sprache, jede Begegnung, jedes Land und jeder Ort, an dem wir leben, hinterlassen etwas in uns. Wir sammeln Erfahrungen, Beziehungen und Versionen von uns, bis irgendwann so viele verschiedene Teile zusammenkommen, dass eine einzige Schublade einfach zu klein wird.
Früher hätte ich darin ein Problem gesehen. Heute finde ich den Gedanken wunderschön.
Ungarn, Deutschland, Bali und alle anderen Länder, die mich geprägt haben, gehören zu meiner Geschichte. Ich muss mich nicht für einen Ort entscheiden, um zu wissen, wer ich bin.
Ich brauche immer weniger eine Antwort darauf, wo ich hingehöre. Nicht, weil mir Orte egal geworden sind. Im Gegenteil. Nach ein paar Jahren unterwegs spüre ich sehr deutlich, wie wichtig ein Ort sein kann, an dem man sich verwurzelt fühlt.
Aber Zuhause ist irgendwann nicht mehr nur der Ort, der uns eine Identität gibt. Es ist auch der innere Ort, von dem aus wir all diese verschiedenen Versionen von uns anschauen können, ohne eine davon loswerden zu müssen.
Und das gilt auch für die Menschen, die uns begegnen.
Wir brauchen Referenzpunkte, um jemanden zu verstehen. Wir hören seine Geschichte, erkennen Muster, sehen Zusammenhänge. Aber irgendwann kann aus einem Referenzpunkt eine Identität werden. Aus einer Erfahrung wird ein Muster, aus einem Muster eine Erklärung und aus der Erklärung ein Bild davon, wer dieser Mensch ist.
Dabei ist ein Mensch immer größer als das, was wir bereits über ihn wissen.
Genau das beschäftigt mich auch in meiner Arbeit: Wie können wir einen Menschen verstehen, ohne ihn dabei festzuschreiben? Wie können wir etwas erkennen und trotzdem neugierig bleiben auf das, was wir noch nicht wissen?
Gerade für Menschen, die andere begleiten, ist das eine wichtige Fähigkeit. Denn auch wir haben unsere Referenzpunkte, Erfahrungen und inneren Landkarten. Wir erkennen Muster und manchmal beginnen wir, einen Menschen durch genau diese Muster zu sehen.
In meinem neuen Mentorship für Spaceholderinnen stelle ich genau diese Qualität noch stärker in den Mittelpunkt: die Fähigkeit, Menschen tief zu verstehen, ohne sie auf das zu reduzieren, was wir bereits über sie zu wissen glauben.
Wir beschäftigen uns damit, wo wir (oft ganz unbewusst) anfangen, andere Menschen durch unsere eigenen Deutungen und Muster zu sehen, statt ihnen wirklich zu begegnen. Und wie wir Menschen ohne eigene Agenda begleiten können – klar, verkörpert, präsent und offen für das, was sich tatsächlich zeigen möchte. Dazu bald mehr.
Wir müssen Menschen nicht immer neu kennenlernen. Wir müssen ihnen nur neugierig begegnen.
Mein Vater kennt mich seit 39 Jahren. Und trotzdem gibt es Versionen von mir, die er noch nicht kennt.
Dafür braucht es oft gar nicht viel. Keine große Erkenntnis, keine neue Methode. Manchmal reicht eine einfache Frage:
„Was erlebst du gerade?“
Denn auch wenn wir jemanden seit 39 Jahren kennen, können wir nie genau wissen, wer uns in diesem Moment gegenübersteht.
Neugier lässt Raum für das, was wir noch nicht wissen.
Und genau dort beginnt eine neue Begegnung.
Manchmal mit unterschiedlichen Wahrheiten. Und manchmal mit voller Resonanz.