Meine Wut war niemals das Problem.
Ich werde eine Busfahrt nie vergessen.
Sie war vor ungefähr zwei Jahren in Budapest. Meine Mutter und ich saßen vorne im Bus, kurz bevor ich zurück nach Indien flog.
Vor uns saß eine Frau. Nach ein paar Haltestellen fing sie an zu telefonieren. Nicht einfach laut, sie schrie und verwendete hässliche Wörter. Der ganze Bus schaute in ihre Richtung. Man konnte das Gespräch gar nicht ignorieren.
Ich spürte sofort, wie Wut in mir aufstieg. Mein erster Impuls war, etwas zu sagen. Ich hielt ihn noch einen Moment zurück. Meine Mutter schaute mich an. Sie wusste genau, was gleich passieren würde.
Der ganze Bus blieb still. Alle waren genervt. Niemand sagte etwas.
Irgendwann konnte ich nicht mehr.
Ich sagte laut und deutlich auf Ungarisch:
„Entschuldigung, aber es stört mich und anscheinend den ganzen Bus, wie laut Sie telefonieren. Können Sie bitte etwas leiser sprechen?“
In genau diesem Moment griff meine Mutter nach meiner Hand.
Nicht, um mich zu unterstützen. Sondern um mich runterzuregulieren.
„Sei still. Vielleicht greift sie dich gleich an.“
Zugegeben: Die Frau war ungefähr dreimal so groß wie ich, aber ich hatte keine Angst.
Ich fand ihr Verhalten schlicht respektlos.
Was mich im Nachhinein viel mehr beschäftigt hat, war nicht die Frau. Es war die Reaktion meiner Mutter.
Als sie meine Hand festhielt, war ich plötzlich wieder ein kleines Mädchen. Ich konnte in meinem ganzen Körper spüren, warum ich fast zehn Jahre Therapie und Coaching gebraucht habe, um überhaupt wieder Zugang zu meiner gesunden Wut zu finden.
Meine Mutter war nicht schockiert über das Verhalten dieser Frau. Sie war schockiert über mein Verhalten, das Verhalten ihrer eigenen „unerzogenen“ Tochter.
Als wir aus dem Bus stiegen, sagte sie:
„Du bist so aggressiv. Gut, dass sie dich nicht geschlagen hat.“
Dieser Satz ist in meinem Kopf eingebrannt, dass ich so aggressiv bin.
Denn er beschreibt etwas, das viele von uns gelernt haben.
Nicht das Grenzüberschreitende ist gefährlich. Sondern diejenige, die etwas dagegen sagt.
Meine gesunde Wut war für mich nie selbstverständlich. Ich habe sie mir mit unzähligen Stunden Traumaintegration, mit Tränen, Geld und sehr viel Mut zurückerarbeitet.
Und ich liebe sie. Ich liebe sie so sehr.
Denn ohne sie habe ich mich immer wieder selbst verlassen. Grenzen wurden überschritten, ohne dass ich es überhaupt bemerkte. Ich sagte Ja, obwohl in mir längst ein Nein lebte. Das Einzige, was blieb, war eine Erschöpfung, die ich mir jahrelang nicht erklären konnte.
Heute freue ich mich fast, wenn ich mit Wut, Frust, Hass oder Ekel in Kontakt komme.
Diese Gefühle sind die ehrlichsten Signale meines Körpers. Sie zeigen mir, wo etwas nicht stimmt. Wo eine Grenze fehlt. Wo ich mich selbst wieder ernst nehmen darf.
Ich gebe diese Wut nicht mehr her.
Meine Oma starb an Alzheimer. Sie hat ihre Gefühle ein Leben lang unterdrückt. Sie war in ihrem ganzen Leben dissoziiert.
Meine Mutter hat ihre Wahrheit kaum ausgesprochen. Ich kenne sie vor allem hochfunktional erschöpft.
Ich erzähle das nicht, um Schuld zu verteilen. Ich erzähle es, weil ich glaube, dass sich Muster über Generationen weitergeben – solange niemand beginnt, sie zu hinterfragen.
Und genau das endet mit mir.
Es macht mich wütend zu sehen, wie viele Mädchen zu Frauen werden, die gelernt haben, lieb zu sein. Nicht anzuecken, laut zu werden oder unbequem zu sein. Und auf keinen Fall wütend zu sein.
Dabei war meine Wut niemals das Problem.
Das Problem war, dass ich gelernt hatte, ihr nicht zu vertrauen.
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, was passiert, wenn eine Frau sich zum ersten Mal erlaubt, ihre gesunde Wut wirklich zu fühlen und lernt immer mehr ihre Wut zuzulassen und auch immer mehr zu halten.
Diese Frau wird nicht lauter, sondern sie wird klarer.
Sie erkennt plötzlich, wo sie sich jahrelang angepasst, entschuldigt oder sich selbst verlassen hat. Was vorher wie Angst, Schuld oder Erschöpfung wirkte, zeigt sich oft als unterdrückte Lebenskraft.
Deshalb halte ich Wut für eine der heilsamsten Emotionen überhaupt. Sie zeigt uns, wo wir beginnen, uns selbst wieder treu zu werden.
Und genau deshalb glaube ich, dass wir als Coaches, Therapeutinnen und Spaceholderinnen unsere eigene Wut kennen müssen.
Wenn ich Angst vor meiner eigenen Wut habe, werde ich früher oder später auch Angst vor der Wut meiner Klientinnen haben.
Dann begleite ich sie – oft unbewusst – zurück in die Anpassung.
Dabei ist ihre Wut vielleicht genau die Tür, durch die sie gerade gehen muss.
Healthy rage is fucking sacred.
Ich spreche nicht von Ausagieren. Nicht vom Anschreien. Nicht davon, anderen zu schaden.
Ich spreche von diesem stillen, klaren Feuer in uns.
Dem Moment, in dem unser Körper sagt:
Bis hierhin. Und nicht weiter.