Hinter jedem Elektrozaun wartet eine neue Wiese.
Eine wundervolle Klientin hat mir eine Metapher geschenkt, die mich seit einigen Wochen begleitet.
Sie beschreibt die Herausforderungen des Lebens wie einen Elektrozaun, der uns immer wieder begegnet. Manchmal ist es ein Zaun, der nur ein bisschen piekst, eine Herausforderung, die unangenehm ist, die wir aber irgendwie gut bewältigen können.
Und manchmal gibt es diese Elektrozäune, die uns einen regelrechten Stromschlag versetzen.
Das sind Momente im Leben, die unser ganzes System erschüttern. Momente, die sich fast wie eine kleine Sterbeerfahrung anfühlen, weil etwas Altes in uns nicht mehr weiterbestehen kann.
Manchmal sind es Situationen im Leben. Manchmal ist es das, was diese Situationen in uns auslösen.
Doch wenn wir hindurchgehen, wartet dahinter immer eine neue Wiese.
Eine Wiese, auf der das Leben uns mehr entspricht als zuvor. Auf dieser Wiese können wir freier atmen. Wir fühlen uns leichter und sind mehr bei uns angekommen.
Ich musste in den letzten Tagen oft an diese Metapher denken.
Vor Kurzem stand ich selbst wieder vor einem solchen Elektrozaun.
Diesmal war es eine absolute Ausnahmesituation, ein Notfall im Außen, in den ich unmittelbar involviert war und der mein gesamtes System erschüttert hat.
Ich bin noch dabei, diese Erfahrung vollständig zu verarbeiten. Und doch möchte ich schon jetzt einige Erkenntnisse mit euch teilen.
Wir können unsere Elektrozäune nicht vermeiden.
Das Leben passiert. Manchmal ist es wunderschön und manchmal vollkommen unerwartet. Und manchmal passiert es auf eine Art und Weise, die uns den Boden unter den Füßen wegzieht.
Ich dachte lange, Heilung würde bedeuten, irgendwann keine großen Herausforderungen mehr erleben zu müssen.
Heute glaube ich das nicht mehr.
Heilung besteht nicht darin, keine Elektrozäune mehr im Leben zu haben. Es geht um etwas anderes, das wir häufig übersehen.
Wie ist meine Beziehung zu diesem Elektrozaun?
Was passiert innerlich in mir, während ich eine Situation erlebe, die ich vielleicht nicht kontrollieren kann?
Wie begegne ich mir selbst in den Momenten, in denen das Leben mich herausfordert?
Denn nicht der Zaun entscheidet über unser Leben. Sondern die Art, wie wir mit ihm in Kontakt gehen.
Kollabiert mein ganzes System, wenn etwas Schmerzhaftes passiert? Verliere ich mich vollständig in Angst, Schuld oder Scham?
Oder kann ich trotz allem einen Teil in mir finden, der präsent bleibt?
Kann ich mit meinen Gefühlen sein, ohne von ihnen überwältigt zu werden?
Kann ich anerkennen, dass etwas weh tut, dass ich vielleicht gerade keine Antworten habe und trotzdem mit mir verbunden bleiben?
Ich glaube, genau darin liegt eine der größten Aufgaben unseres Lebens. Nicht darin, alles kontrollieren zu können.
Sondern darin, eine sichere Beziehung zu uns selbst aufzubauen, auch in den Momenten, in denen das Leben uns bis an unsere Grenzen bringt.
Eine der befreiendsten Erkenntnisse der letzten Tage ist für mich, dass ich mein Leben genießen darf, auch wenn Menschen, die ich liebe, leiden.
Ich glaube, viele Menschen mit einem großen Herzen kennen diesen Konflikt.
Du fühlst mit, du möchtest helfen. Du möchtest für deine Liebsten da sein.
Und gleichzeitig kann es passieren, dass du deine eigene Lebensfreude zurückhältst, weil ein Teil in dir glaubt:
Wenn es jemand anderem schlecht geht, darf es mir nicht gut gehen.
Aber Liebe bedeutet nicht, dass wir den Schmerz eines anderen Menschen übernehmen müssen.
Vor allem bedeutet Liebe nicht, dass wir mituntergehen müssen.
Wir dürfen lachen, die Schönheit wahrnehmen und wir dürfen unser Leben genießen. Auch wenn jemand anderes gerade durch eine schwere Zeit geht. Und sogar, auch wenn es unsere Mutter, unser Partner oder unsere Freundin sind.
Das Genießen unseres eigenen Lebens nimmt dem anderen nichts weg. Und es macht unser Herz nicht kleiner.
Vielleicht führt uns genau diese Erkenntnis zu einem Thema, über das so viel gesprochen wird und das trotzdem oft schwer wirklich zu verstehen ist.
Mitgefühl ist nicht dasselbe wie Mitleid.
Mitleid zieht uns in den Schmerz des anderen hinein. Es lässt uns glauben, dass wir etwas reparieren, lösen oder tragen müssen. Mitgefühl hingegen bleibt verbunden, ohne sich selbst zu verlieren.
Es sagt:
„Ich sehe deinen Schmerz und ich bin berührt davon. Ich bin an deiner Seite.“
Aber es sagt nicht:
„Ich muss deine Last übernehmen.“
Gerade wenn wir andere begleiten – als Coaches, Therapeutinnen oder Menschen in helfenden Berufen – ist das eine der größten inneren Aufgaben.
Nicht weniger empathisch zu werden. Sondern eine andere Qualität von Empathie zu entwickeln.
Eine Empathie, die nicht aus Überverantwortung entsteht und nicht aus der alten Überlebensstrategie kommt, dass wir nur dann wertvoll oder sicher sind, wenn wir gebraucht werden.
Sondern eine Empathie, die aus einem tiefen inneren Boden entsteht. Aus Verbundenheit und aus Präsenz. Wir dürfen darauf vertrauen, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen und seine eigenen Erfahrungen machen darf.
Ich habe lange gedacht, Grenzen würden mein Herz verschließen. Heute spüre ich mit jeder Zelle, dass das Gegenteil wahr ist.
Meine Grenzen ermöglichen es mir erst, anderen wirklich offen zu begegnen.
Erst meine Grenzen machen mein Mitgefühl tragfähig. Sie erlauben mir, mein Herz offenzuhalten, ohne mich selbst zu verlieren.
Wenn wir uns sehr lange mit der Retterrolle identifiziert haben, kann sich die Veränderung dieser Dynamik fast wie ein Identitätsverlust anfühlen.
Denn plötzlich fällt eine Rolle weg, die uns vielleicht jahrelang Sicherheit gegeben hat. Eine Rolle, durch die wir gelernt haben, unseren Wert zu erfahren.
Und dann stehen wir vielleicht vor einer tiefen Frage:
Wenn ich niemanden mehr retten muss, wer bin ich dann?
Wer bin ich, wenn mein Wert nicht mehr davon abhängt, wie viel ich für andere trage?
Vielleicht wartet hinter jedem Elektrozaun nicht ein Leben ohne Schmerz oder Herausforderungen. Es wartet dort etwas viel Einfacheres.
Ein Stück von uns selbst, das wir unterwegs verloren haben. Die Erlaubnis, nicht mehr kämpfen zu müssen. Nicht mehr retten zu müssen und alles alleine tragen zu müssen.
Das ist für mich die schönste Wiese überhaupt.
Ein Leben, in dem wir uns selbst nicht mehr verlassen.
Ein Leben, in dem unsere Lebensenergie endlich wieder uns gehört.